Was geht, was bleibt? Von verlorener Naivität, Dankbarkeit und einem Kissen für die Komplexität

Julia Sujin Noël (Jahrgang 1981), neu im Team von compassorange hatte die schöne Idee “blind dates” mit Berater*innen aus dem Team compassorange zu vereinbaren und in einen gemeinsamen Austausch zu gehen. Als erstes war sie mit Bastian Bretthauer (Jahrgang 1966) verabredet:

J: Lieber Bastian, wir wollen bei unserem Blind Date darüber sprechen, welche Ansichten, Meinungen und Herangehensweisen wir im Laufe der Zeit abgelegt haben – und an welchen wir kontinuierlich festhalten. Möchtest du anfangen?

B: Gerne. Also als ich viel jünger war, habe ich ganz klare Überzeugungen gehabt: Wofür ich stehe, was ich gut finde, was ich schlecht finde. Diese Überzeugungen – die Werte dahinter – habe ich immer noch; ich habe nur ein sehr viel differenzierteres Bild darauf: Was ist richtig, was ist falsch, was ist gut, was ist schlecht? Ich würde sagen, es braucht Naivität, um zu sagen: „Das ist so und so“, und meine Naivität ist im Laufe der Jahre gewichen, zugunsten einer eher multiperspektivischen, Komplexität würdigenden Betrachtungsweise. Ich glaube, das hat mit einem inneren psychologischen Reifeprozess zu tun.

Das Zweite was mir einfällt, ist meine Arbeitsweise als Coach, Berater und Trainer: Früher bin ich viel kognitiv-didaktischer in Lernkontexte reingegangen, und habe mehr an den Input gedacht: Was ich alles an Wissen vermittelt möchte. Das hat abgenommen zugunsten davon, gute Fragen zu haben, damit alle Beteiligten in die Reflexion kommen. Meine Herangehensweise heute ist viel involvierender und offener, und weniger Trainer-zentriert. Ich bin gar nicht wichtig, eigentlich.

J: Ist da eine gewisse Parallele, wenn du sagst, du schaust heute aus unterschiedlichen Perspektiven auf ein Thema, und erkennst an, dass es mehrere Wahrheiten gibt, die parallel existieren – und in deiner Arbeit bist du auch ein Stück von der Dualität Lehrende – Lernende weggegangen?

B: Ja, und das kommt ganz einfach aus der Erfahrung, wo du die Leute verlierst, und wo du sie gewinnst: Das passiert dann, wenn du emotionaler, authentischer kommunizierst; dich als ganze Person zeigst, und sie auch einlädst, als ganze Person dabei zu sein.

J: Heute weißt du ja auch, dass du das Alles halten kannst. Am Berufsanfang hat man vielleicht noch mehr Respekt davor, so richtig das Fass aufzumachen.

B: Struktur und Wissen und Glaubenssätze geben ja auch Sicherheit. Mit der Zeit spüren wir mehr innere Festigkeit und nehmen verschiedene Lagen feinmaschiger wahr, oder können auch Paradoxien im Raum stehen lassen, ohne sie einseitig aufzulösen.

J: Das mit dem Paradox finde ich enorm spannend, weil ich den Eindruck habe, dass das etwas ist, was für die meisten Menschen extrem schwierig auszuhalten ist. Also keine grundsätzlichen Wahrheiten und Sicherheiten zu haben. Würdest du dich als einen Menschen beschreiben, der in sich selbst sehr sicher ist?

 

B: Ich würde sagen, das ist eine Haltung, die ich immer aktiv in mir gefördert habe, indem ich mich daran aktiv erinnere! Das geht mir auch manchmal verloren – dann verbinde ich mich damit, wer ich eigentlich auch bin: Eine große Bibliothek mit ganz vielen Büchern; wenn ich an dieses Bild denke, dann kann ich wieder in eine zuversichtliche Ruhe gehen.

J: Ich finde, das ist ein super Bild von Vielfaltsfähigkeit, also dafür, die eigene Komplexität anzuerkennen, und damit nicht im Konflikt zu sein. Was glaubst du hat es dir ermöglicht, diesen Umgang damit zu entwickeln?

B: Ich bin auf jeden Fall ein sehr neugieriger Mensch. Mich interessiert Tiefe so viel mehr als Oberflächlichkeit! Ablenkung ist für mich nicht so wichtig wie Auseinandersetzung oder Begegnung. Das hat sicherlich mit meiner inneren Verfasstheit zu tun, aber ich habe das auch in mir gepflegt und gefördert, über so viele Jahre – ich bin ja nicht umsonst Lebensberater und Coach geworden, und nicht Kältetechniker! Und dieses Fördern mache ich auch weiterhin, das ist ein aktiver Prozess.

J: Gibt es noch eine Ansicht, die du mit der Zeit geändert hast?

B: Die dritte Sache ist, dass ich als junger Mensch gedacht habe, Menschen verändern und entwickeln sich schon, es braucht nur die richtige Ansprache, oder die richtige Mohrrübe. Im Laufe der Zeit habe ich aber gemerkt, wie beharrend und festhaltend auch ganz viel im Leben ist. Ich habe jetzt viel mehr Demut davor, was alles erstmal sehr lange so ist, und sehr lange so bleibt wie es ist …

Und bei dir? Wenn du mal zurück denkst an dich vor 20 oder 15 Jahren, kannst du dich an Sachen erinnern, die dir damals absolut sonnenklar erschienen, und die du korrigieren musstest, oder die gewichen sind zugunsten von anderen Sachen?

J: Ich war immer eine Prinzipienreiterin – schon im Schulalter! Zum Beispiel habe ich mich standhaft geweigert, mit bestimmten Personen oder Personengruppen zu sprechen. Wenn mir gegen den Strich ging, wie bestimmte Menschen auftreten, oder wofür sie stehen, wollte ich mich ganz klar abgrenzen. So verstand ich „Haltung zeigen“. In meiner (linken) Blase war das aber auch so: Wer sich da kritisch geäußert hat, war gleich ein*e „Spalter*in“.

Mit der Zeit sind meine Grenzen dann verwischt; heute interessiere ich mich am meisten für die Zwischenräume und Grauzonen. Das kommt bestimmt auch daher, dass ich lange in Konfliktregionen gearbeitet habe: Das waren komplizierte Gemengelagen, da gab es sehr viele Grauzonen. Aber ich habe lange damit gehadert, weil ich mich eben so stark über meine Prinzipien identifiziere. In den letzten Jahren habe ich dann aber nochmal einen Schub bekommen: Plötzlich gab es Impfgegner*innen in meiner Familie, und AfD-Wähler*innen in meinem Bekanntenkreis, und da ist mir klar geworden: Wenn ich jetzt meine Grenzen hochziehe, dann trage ich direkt zur Spaltung der Gesellschaft bei, ganz konkret hier, in meinem eigenen Leben.

Also habe ich mich auf Gespräche mit Personen eingelassen, deren Ansichten mir gegen den Strich gehen. Je mehr ich von ihnen erfahren habe, desto besser konnte ich dann auch verstehen, woher ihre Haltung kommt. Und gleichzeitig habe ich verstanden, dass auch meine eigenen Überzeugungen nur ein Produkt meiner Prägungen und Erfahrungen sind. Was mir tatsächlich geholfen hat, mich für andere Perspektiven zu öffnen, ist die Erfahrung, Kinder zu erziehen. Stichwort Demut! In der Erziehung gibt es kein schwarz und weiß. Du weiß fast nie was Du tust, denn Du macht alles immer zum ersten Mal, weil auch jedes Kind anders ist. Du weißt immer erst rückblickend, ob eine Entscheidung richtig war, oder nicht. Da habe ich gemerkt: „Nee, du hast keine Ahnung, du musst einfach immer weiterlernen.“

Vielleicht ist das ein Umgang mit Komplexität: Es sich bequem zu machen, wo es unbequem ist. Auch wenn es dort etwas einsam ist.

B: Aber vielleicht ist es das ja auch nicht lange…? Ich mag das „es sich bequem machen, wo es unbequem ist“!

J: Ich habe immer ein Kissen dabei!

Wie ist das denn bei dir mit den Grundüberzeugungen, die bei dir gleichgeblieben sind?

 

B: Da ist auf jeden Fall die Selbstwirksamkeit! Ich bin Resilienz-Experte, arbeite also zu Führung und Resilienz, Teams und Resilienz und organisationale Resilienz. Als dieser Ansatz vor 20 Jahren in Deutschland ankam, haben viele Leute misstrauisch auf den Begriff geguckt; als wäre das ein mentales Trainingsangebot, um in ausbeuterischen Strukturen länger durchzuhalten.

Aber wenn man da tiefer einsteigt und guckt: Welche konkreten Möglichkeiten haben eigentlich Menschen, um sich auf Gesellschaft zu beziehen? Und wer dann ganz viel nachdenkt, und viele Bücher und Konferenzen besucht, landet wieder bei sich selbst: „Wie kann ich damit bestmöglich umgehen?“ Und umgehen heißt nicht immer anpassen! Es heißt, dass der erste Schritt, ins Tun zu kommen, bei einem selbst liegt: Alles fängt mit dir selbst an. In der positiven Psychologie schaust du auf deine Frames, mit denen du die Welt wahrnimmst, und da kannst du schon entscheiden, worauf du guckst: Also, wenn es etwas Belastendes gibt, oder eine Krise, ist es wichtig, auf die Aspekte zu gucken die dir helfen, etwa den Vorteil im Nachteil zu suchen, oder wie du das bestmöglich gestalten kannst. Das habe ich schon sehr früh gedacht; das ist bis heute meine Überzeugung.

Und: Dankbarkeit! Das ist auch etwas, was mit der positiven Psychologie zusammenhängt: Da ist so eine Kraft drin auf das Leben zu schauen, wenn du davon ausgehst, dass du die Welt gestalten kannst, dass du dankbar bist für die Sachen, die gelingen und da sind.

Was würdest du denn auf die zweite Frage antworten?

J: Hmm. Vielleicht ist meine Antwort auf die zweite Frage sogar die gleiche wie auf die erste? Ich meine: Ich habe die Überzeugung abgelegt, dass es in jeder Frage eine absolute Wahrheit gibt. Aber gleichzeitig halte ich immer noch daran fest, nach der Wahrheit zu suchen – nur dass ich jetzt eben weiß, dass es viele Versionen davon gibt. Und Prinzipien-Treue bedeutet ja auch: Wenn ich neue Erkenntnisse habe, dann muss ich daraus Konsequenzen ziehen. Verantwortung ist etwas, was mir unheimlich wichtig ist. Wenn ich also von den unterschiedlichen Lebenswegen und Erfahrungen anderer Menschen lerne, bin ich verantwortlich dafür, meine Sicht der Dinge anzupassen. Damit ist meine Antwort vielleicht auch wieder nah an deiner dran: Was du beschreibst mit „Den Blick auf das richten, was gut läuft, sehen wo ich selbst Einfluss nehmen und gestalten kann“ – das bedeutet ja auch, Verantwortung zu übernehmen.

Jedenfalls vielen Dank, dass du dich auf unser Blind Date eingelassen hast!

B: Danke für deine Fragen, und für dieses schöne Gespräch!