„Die Zwischenzeit ist eine Zeit ohne Arbeit, eine Spielzeit“ (Byung-Chul, Han)

In dem Sinne wünscht compassorange ein gutes neues Jahr!

Was können Führungskräfte und generell Berufstätige tun, um frühzeitig die Abwärtsspirale der Selbstausbeutung, Ermüdung und Erschöpfung zu unterbrechen? Unser Berater und Coach Bastian Bretthauer lädt Sie ein zu mehr (Frei-)Raum für zweckfreies  Wahrnehmen und Beobachten, statt verkürzter „um-zu-Logik“.

Bild: Ein FuBK-Testbild, Rotkaeppchen68, https://de.wikipedia.org/wiki/Testbild#/media/File:FuBK_testcard_vectorized.svg

Sendestörung: Die Kunst der Unterbrechung

Die Empfehlung, sich als Führungskraft immer wieder etwas Zeit zu nehmen, um über die eigene Führungspraxis in Unternehmen und Organisationen nachzudenken, zieht sich wie ein roter Faden durch alle neuen Fachbücher zum Thema „gute Führung“. Viele Führungskräfte mag dieser Hinweis bekannt sein und einleuchten. Doch sie scheitern bei der Umsetzung angesichts eines kaum zu bewältigenden Arbeitspensums in der Praxis.  

Auf 70 Wochenarbeitsstunden kommen deutsche Manager_innen im Schnitt, das bedeutet 12 Stunden am Tag, wenn man davon ausgeht, dass sie wenigstens an einem Tag nicht arbeiten.[1] Ein Drittel davon macht obendrein im Arbeitsalltag keine Pausen. 61% aller Führungskräfte in Deutschland leiden deshalb unter Schlafstörungen.[2] Neben einer Fülle von Befindlichkeitsstörungen wie z.B. Schwindel, Verdauungsstörungen, Herzstolpern und Rückenschmerzen sind besonders psychische Störungen für 53 Millionen Krankheitstage verantwortlich. Bereits 41% der Frühberentungen haben psychische Ursachen. Die Betroffenen sind im Durchschnitt 48 Jahre alt![3]

Das Problem ist nicht unbekannt: 69% der Unternehmen schätzen die Belastungssituation ihrer Mitarbeitenden als kritisch ein.[4] Dass viele oft gehetzt arbeiten, berichten 52% der Beschäftigten und 63% geben an, dass sie seit Jahren immer mehr in gleicher Zeit leisten müssen. So wundert es nicht, dass fast jede_r Zweite erklärt, mindestens zweimal im Jahr zur Arbeit zu gehen, obwohl er/sie sich „richtig krank“ fühle. Dabei gelten der reale wie der empfundene Stress als Mitverursacher psychischer Leiden wie seelische Störungen, Depression und Burnout. Die Krankentage durch das Erschöpfungssyndrom (Burnout) haben sich von 2005 bis 2012 um nahezu das 20-fache erhöht. Führungskräfte stehen dabei oft unter besonders großen Druck. Angesichts dieser Zahlen ist die Frage berechtigt, wieso die meisten Unternehmen bis heute nicht in der Lage sind, ihre Mitarbeiter_innen vor Überlastung zu schützen.

Als systemischer Führungskräfteberater beobachte ich in meinen Coachings oft, wie Führungskräfte und Mitarbeiter_innen in mentalen Modellen denken, in denen das ideale Arbeiten in Organisationen mit dem Bild einer reibungslos laufenden Maschine verbunden ist. Dabei sehen sie sich selbst als Macher_in. Das Denken in "Maschinenmodellen" und seine "Wenn-Dann-Logik" und "Um-zu-Mechanik" dominierte im 19. Jahrhundert und erklärte einfache organisatorische Zusammenhänge durch einfache Gesetzmäßigkeiten. Mit der Massenproduktion des 20. Jahrhunderts breitet sich das Maschinen-Modell als mentales Konzept weiter aus, obwohl immer mehr Organisation vor zunehmend komplexeren Zusammenhängen stehen, die sich durch technischen Fortschritt und Beschleunigung, den sozialen Wandel und Globalisierung ergeben. Organisationen, die sich nicht darauf einstellen und keine neuen mentalen Konzepte entwickeln, verlangen von ihren Mitgliedern, dass diese immer mehr machen, auch wenn es nicht mehr zu machen ist. Das Ergebnis: Mitarbeiter_innen und Führungskräfte sind erschöpft, brennen aus, kündigen oder werden krank.

Wie können sich Führungskräfte und Mitarbeiter_innen verhalten, statt innerlich zu kündigen (Präsentismus)[5], Krankheitspausen einzulegen (Absentismus), die Arbeit freiwillig oder gezwungenermaßen zu verlassen oder die Flucht in die Frühberentung anzutreten. Wie können Berufstätige frühzeitig die Abwärtsspirale der Selbstausbeutung, Ermüdung und Erschöpfung unterbrechen?

Der Philosoph Byung-Chul Han fordert uns Menschen der Gegenwart in seinem Buch „Müdigkeitsgesellschaft“ auf, unsere Müdigkeit zu akzeptieren. Erschöpft davon, immer mehr desselben zu tun, schlägt er uns vor, Innezuhalten. Er lädt uns ein, den Sabbat, der ursprünglich aufhören bedeutet, als einen Tag oder einen Augenblick des „nicht-zu-tun“ zu verstehen, befreit von jedem „um-zu“, von jeder Sorge, jedem neuen Energieauftanken-müssen, um wieder zu funktionieren.

Gerade wenn wir das Gefühl haben, keine Zeit mehr zu haben, wird es Zeit, sich wieder Zeit, Zeit zwischen den Zeiten zu nehmen. „Die Zwischenzeit ist eine Zeit ohne Arbeit, eine Spielzeit.“[6] Die neuen Helden und Heldinnen schalten ab, sie nehmen sich den Freiraum, zu schweigen, zu beobachten, wahrzunehmen. Stille und Reflexion. Eine Zeit, in der wir wahrnehmen können, wie wir in der Welt sind. Stopp zu sagen ist möglich, egal, wie hoch unser Arbeitsanfall ist. Wir können an einigen Dingen etwas ändern. Der Einladung zu einem Business-Abendessen können wir folgen oder nicht. Oder die Mittagspause, die wir ausfallen lassen oder sie wahrnehmen können; 30 Minuten, auf einer Parkbank sitzend, das Treiben beobachtend, die andere Welt.

Die Sendestörung ist eine Unterbrechung und eine Verabredung mit mir selbst. Fünf Minuten am Tag. Aufstehen. Sich erheben. Durch den Raum gehen. Die Perspektive eines Vogels einnehmen. Ein Augenblick vielleicht so zart und durchsichtig, wie ein Libellenflügel[7] oder so hart und schwer wie ein Nein. Eine Zeit, leer zu werden und für Sekunden sogar frei. Der Blick aus dem Fenster. Ein Blick weit hinaus und tief in uns hinein. Geräusche, Stimmen, das Sitzpolster unter mir oder die Erde unter meinen Füßen im Garten. Mein Atem. Mein beteiligt Sein. Was ist und wie ist es?

Es ist nicht immer eine angenehme Zeit, sich selbst wahrzunehmen oder das, was uns umgibt. Doch die Einsicht und Kraft, uns selbst und die Unternehmen und Organisationen so zu lassen oder zu verändern, wächst uns hier zu und fängt damit an.

 

Bastian Bretthauer, systemischer Coach, Mediator, Führungskräfteberater & Autor, weitere Publikationen unter: http://bbretthauer.com/index.php/schreiben

 

[1] Tagesspiegel, 19.09.2015, S.8

[2] Tagesspiegel, 19.09.2015, S. 8

[3] Stressreport 2012, Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin und Bundesinstitut für Berufsbildung

[4] Financial Times Deutschland und GfK Verein. Leben und Arbeiten in Deutschland. 2012, in: Financial Times Deutschland, 08.11.2012

[5] Der Begriff „Präsentismus“ steht im deutschen Sprachraum für die Anwesenheit am Arbeitsplatz trotz körperlicher und/oder psychischer, also im weiteren Sinne gesundheitlicher Einschränkungen, bedingt durch die Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren. Im angelsächsischen Diskurs dagegen wird darunter auch das Phänomen der Arbeitsverweigerung (innere Kündigung) subsumiert.

[6] Byung-Chul, Han: Die Müdigkeitsgesellschaft, Berlin, 2013, S. 62

[7] Vgl. Botho Strauss, Lichter des Toren. Der Idiot und seine Zeit, München, 2013, S.7