Prädikatsvergabe Total E-Quality - Podiumsdiskussion zur Quote als gleichstellungspolitisches Instrument

Am 4. Oktober 2011 wurde an der Freien Universität Berlin das Total E-Quality Prädikat an ausgewählte Organisationen vergeben. Die gekürten Organisationen zeichnen sich durch ihr Engagement aus, Frauen und Männern Chancengleichheit zu bieten.

Neben der feierlichen Übergabe der Prädikate wurde im Rahmen von Vorträgen und Podiumsdiskussionen über Geschlechtergerechtigkeit in der Karriere diskutiert. Allen Beiträgen war gemeinsam: Frauen sind auf den höchsten Stufen der Karriereleiter bedeutend seltener anzutreffen als Männer. Das trifft sowohl auf die Wirtschaft als auch auf die Wissenschaft zu. SprecherInnen aus beiden Bereichen berichteten, dass Frauen zwar immer häufiger den Mittelbau von Organisationen erreichen, jedoch kaum in Führungspositionen anzutreffen sind. So ist in der Wissenschaft das Verhältnis von Männern und Frauen bei Promovierenden mit 44,1% Frauenanteil fast paritätisch. Dies gilt jedoch nicht für höhere Qualifikationsstufen, wo der Anteil der Frauen mit 23,8% bei den Habilitationen und 18,0% bei den Professuren bei Weitem nicht dem Anteil der Männer entspricht.[1] Nina Steinweg, Projektleiterin beim Center of Excellence Women and Science CEWS, unterstrich in ihrem Beitrag diese Zahlen und stellte fest: „Je höher die Qualifikationen in der Wissenschaft, desto geringer der Anteil der Frauen“.

 

Für die Wirtschaft zeichnet sich ein ganz ähnliches Bild ab. Dr. Helga Lukoschat, Vorstandsvorsitzende und Geschäftsführerin der Europäischen Akademie für Frauen, berichtete aus ihrer Studie „Schlüsselfaktor F&E. Personalstrategien für die Zukunft entwickeln: Potenziale von Frauen nutzen“[2], dass der Anteil von Absolventinnen in der Chemiebranche auf 39% angestiegen ist und sich demzufolge der Pool weiblicher Talente gefüllt habe. Aus der Studie geht jedoch ebenso hervor, dass der Teil leitender weiblicher Angestellte in der Chemieindustrie nicht im gleichen Maße gestiegen ist und bei lediglich 11% liegt. In Top-Positionen seien kaum Frauen zu finden.

Wenn Frauen derzeit gut und sehr gut ausgebildet sind, sich dies jedoch nicht in der Karriere widerspiegelt, drängt sich die Frage auf, welche Instrumente genutzt werden können, um Chancengleichheit auch an der Spitze von Wissenschaft und Wirtschaft zu ermöglichen. Diese Frage wurde in der Podiumsdiskussion “Quote als gleichstellungspolitisches Instrument – für eine produktive Kontroverse“ näher betrachtet. Die Moderation für das Podium übernahm Dr. Claudia Neusüß von der compassorange GmbH.

Die Diskussion um die Quote verlief lebhaft. Während der Diskussion kristallisierte sich relativ schnell heraus, dass sich alle Beteiligten darüber einig waren, dass Frauen zu wenig in Führungspositionen vertreten sind und dass sich daran etwas ändern muss. Über das „Wie“ herrschte jedoch Uneinigkeit. Die BefürworterInnen der Quote machten deutlich, dass eine Quote gesetzlich festgeschrieben werden muss, da die letzten Jahre gezeigt haben, dass freiwillige Maßnahmen nicht den gewünschten Erfolg erzielten. Entwickle sich Geschlechtergerechtigkeit in den Führungspositionen in der gleichen Geschwindigkeit weiter, wie es derzeit geschieht, dann kann laut Dr. Hans-Gerhard Husung, Generalsekretär der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK), frühesten 2056 mit einer Parität zwischen Männern und Frauen an der Spitze gerechnet werden. Dennoch sieht Husung die Quote nicht als geeignetes Instrument. Festlegungen und Verbote wirken seiner Meinung nach kontraproduktiv. Ihm sei vielmehr daran gelegen, Frauenförderung durch Anreizsysteme wie Transparenz und Wettbewerb zu unterstützen. Laut Husung müsse es darum gehen, Verbündete in der Wirtschaft und in der Wissenschaft zu gewinnen, die sich für die Förderung von Frauen einsetzen. Quoten würden Verbündete jedoch eher verschrecken. Seine Sicht fasste er unter der Devise „dynamisieren, ohne zu radikalisieren“ zusammen. Dem widersprach Prof. Dr. Heide Pfarr, Wissenschaftliche Direktorin des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung a.D.. Pfarr unterstrich, dass es bei Führungspositionen um Macht gehe. Eine Verlagerung von Macht geht ihrer Meinung nach nicht ohne Radikalisierung vonstatten. Daher konterkarierte sie den Slogan in „radikalisieren, um zu dynamisieren.“ Wichtig war ihr dabei, dass die Quote nicht als Ziel, sondern als Weg begriffen wird. Die Quote solle lediglich Prozesse in Gang setzten.

Nach weiterem Austausch von Argumenten, wurde das Podium von Dr. Claudia Neusüß mit dem Hinweis darauf geschlossen, die weiteren Verhandlungen der Ministerin Schröder mit der Privatwirtschaft intensiv öffentlich zu begleiten. Die Teilnehmenden des Podiums unterstrichen,   dass die angestrebte Richtung „mehr Frauen in Führung“ zu bringen, alle einige und  dass die  Einforderung fester Quoten durchaus auch, „gemäßigten Ansichten“ dienlich sein kann, etwa um verbindliche  Zielvereinbarungen umzusetzen.

 

Nicole Vlach, 31.Oktober 2011, Berlin



[1] Gemeinsame Wissenschaftskonferenz - GWK (2011): Chancengleichheit in Wissenschaft und Forschung: Chancengleichheit im Schneckentempo.  Bonn.